V. Weitung, Gegenwart, stilles Glück

5 Fragmente
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Letztes Rot

Da sitze ich nun…
durchdrungen vom Augenblick…

Ich sitze hier,
mit einem letzten Tropfen Rot im Glas,
als wäre er der Rest einer untergehenden Sonne,
die sich weigert,
ganz zu verschwinden.

Vor mir der Wald,
ein stilles Gegenüber,
das mich sieht,
ohne mich zu prüfen.

Ein Atemzug aus Zweigen und Schatten,
der mich heimlich in die Arme nimmt.

Neben mir das kleine Eselchen,
sein Fell warm von der Welt,
sein Blick schwerelos,
als wüsste es längst,
dass Glück kein Ereignis ist,
sondern ein Zustand,
der sich aus Versehen offenbart.

Und auf einmal
löst sich alles auf,
was Namen trägt.

Da ist kein Christian,
kein Denken über gestern oder morgen,
keine Linie,
die mich vom Leben trennt.

Ich bin das Glück,
aber nicht als Krone,
sondern als Durchlässigkeit.

Ich bin die Welt,
weil sie in mir atmet.

Ich bin Liebe,
weil nichts mehr zwischen uns steht.

Ich bin das Jetzt,
dieser eine Augenblick,
der nur einmal geschieht
im ganzen Universum
und genau hier landet.

Ich könnte Amen sagen,
nicht aus Glauben,
sondern aus Einverständnis.

Doch ich sage nichts.

Ich trinke den letzten Tropfen,
und alles antwortet
mit einem leisen Ja.