V. Weitung, Gegenwart, stilles Glück

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Unversucht glücklich

Zum ersten Mal in meinem Leben
fühle ich keinen Zug nach vorne.

Kein Haben-Wollen,
kein nächster Schritt,
keine unsichtbare Liste im Kopf.

Nur dieses stille Einverständnis
mit dem, was ist.

Ich sitze da
und stelle fest,
dass mir nichts fehlt.

Dass Glück kein Strom ist,
der von außen kommt,
sondern ein leises Aufleuchten
im Innersten –

so unscheinbar,
dass es fast übersehen werden könnte,
wäre es nicht so vollkommen.

Ich habe die Liebe,
nicht als Besitz,
sondern als Zustand,
der mich durchströmt.

Ich habe den Wald,
der mich mit seinen Schatten bemalt.
Die Tiere,
die mich ohne Forderung annehmen.

Meinen Atem,
der mich trägt,
als wäre er eine alte,
unermüdliche Freundschaft.

Mein Herz,
das für mich arbeitet,
ohne Dank,
ohne Bühne,
einfach so.

Und während all das geschieht,
brauche ich nichts weiter –

kein Ziel,
keine Vision,
kein Versprechen.

Sogar Hunger und Durst
scheinen für einen Moment
vergessen,
als hätte der Körper begriffen,
dass Fülle auch ohne Gründe existiert.

Ich suche ein Wort
für dieses Geschenk.

„Glückspilz“ klingt zu verspielt,
zu sehr nach Zufall.

Es trifft nicht,
was hier geschieht.

Vielleicht bin ich
ein Begünstigter des Augenblicks.
Ein Bevorzugter des Daseins.
Ein vom Leben selbst
zart Berührter.

Oder ganz ohne Wörter:

ein Mensch,
der nichts braucht,
weil alles jetzt schon
überläuft.

Und während ich so dasitze,
ein wenig staunend,
ein wenig gerührt,
spüre ich:

Die Welt hat mir nichts gegeben –
sie hat sich geöffnet.

Und ich habe aufgehört,
etwas von ihr zu wollen.